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ADS und Hochbegabung

 
 

Dr. Helga Simchen

Dr. Helga Simchen
Kinderarzt / Kinderneurologe / Kinder- und Jugendpsychiater / AD(H)S-Spezialist
Psychotherapie / Verhaltenstherapie / Familientherapie / Neurobiologisch orientierte Lerntherapie
Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates von AD(H)S Deutschland e.V.
55270  Klein-Winternheim   Tel.: 06136-87011



ADS und Hochbegabung

Hochbegabung und AD(H)S beeinflussen sich wechselseitig, sowohl positiv als auch negativ. Hochbegabte Kinder zeichnen sich durch sehr früh entwickelte, weit überdurchschnittliche Fähigkeiten und Interessen aus, in denen sie Gleichaltrigen deutlich voraus sind. Sie spüren ihre Fähigkeiten und entwickeln einen hohen Anspruch an sich und andere. Bisher gelten ca. 3% aller Kinder als hochbegabt, d.h. ihr Intelligenzquotient liegt über 130%. Trotzdem haben nicht wenige dieser hoch oder weit überdurchschnittlich begabten Kinder und Jugendlichen mehr oder weniger große Probleme in manchen Leistungs- und Verhaltensbereichen. Ihre Lernerfolge und ihr Sozialverhalten entsprechen dabei nicht ihren oder den Erwartungen ihrer Eltern und Lehrer. Bisher machte man dafür eine Unterforderung verantwortlich und bezeichnete diese Betroffenen als „Underachiever“. Aber die eigentliche Ursache ihrer Probleme ist größtenteils nicht eine Unterforderung, sondern eine schon länger bestehende Überforderung infolge einer anderen Art der Verarbeitung von Wahrnehmungen in ihrem Gehirn.

Meine Erfahrungen aus der Praxis mit Spezialisierung auf eine sowohl individuelle, als auch intensive und wissenschaftlich fundierte AD(H)S-Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen, zeigte mir immer wieder, dass weit mehr als 3% der AD(H)S-Betroffenen einen Intelligenzquotienten hatten, der besonders im Verbalteil über 130% lag. Trotzdem konnten diese Betroffenen nicht von ihrer guten Intelligenz profitieren, da ihre Fähigkeiten im Handlungsteil beeinträchtigt waren. Auf Grund ihrer guten Reflexionsfähigkeit spüren sie diese Defizite umso stärker, je größer die Differenz zwischen Verbal- und Handlungsteil im Intelligenztest war. Den täglichen Ansprüchen nicht genügen zu können, trotz intensiven Bemühens verursacht Enttäuschungen und negativen emotionalen Stress, der sie psychisch belastet. Unbehandelt wird ihr Leidensdruck immer größer, ihr Selbstwertgefühl dagegen immer geringer. Dieser tägliche Kampf zwischen Anspruch und Enttäuschung erzeugt negativen Dauerstress und kann psychische oder psychosomatische Erkrankungen zur Folge haben.

Deshalb ist im Interesse dieser Kinder ein schnelles Umdenken im Umgang mit sehr- und hochbegabten Kindern und Jugendlichen, die unter Problemen in den Leistungs- und Verhaltensbereichen leiden, dringend angezeigt. Denn alle bisherigen Bemühungen halfen ihnen wenig, d.h. ihr Selbstwertgefühl und ihre soziale Kompetenz konnten sie nicht auf Dauer verbessern. Wird ihnen nicht rechtzeitig geholfen, reagieren sie in ihrer Hilflosigkeit mit Verhaltensauffälligkeiten, Schulversagen, Ängsten, Aggressionen, oppositioneller Verweigerungshaltung oder anderen Störungen, entsprechend dem Schweregrad ihres Betroffenseins. Der Gesellschaft geht dadurch ein großes geistiges Potential verloren und das meist unwiederbringlich. Dagegen wäre eine frühzeitige Suche nach möglichen neurobiologisch bedingten Ursachen für die Schulschwierigkeiten hoch- und sehr begabter Kinder und Jugendlicher und deren frühzeitige Behandlung für alle eine große Hilfe. Frühdiagnose mit gezielter Frühförderung, wenn erforderlich schon vor der Einschulung, um mögliche Störungen in der Wahrnehmungsverarbeitung, die den Lernprozess beeinträchtigen, zeitig zu erkennen und gezielt zu behandeln. Damit ihre Schulzeit nicht durch negativen Dauerstress für sie zur psychischen Belastung wird.

Eine besondere Art der neuronalen Vernetzung im Gehirn ist typisch für AD(H)S und das sollte bei allen Hochbegabten und sehr begabten Kindern und Jugendlichen, deren Lern- und Verhaltensprobleme bisher als Folge einer Unterforderung angesehen wurde, als mögliche Ursache unbedingt berücksichtigt werden. Denn die Praxis zeigt es immer wieder, dass viele hoch- und sehr begabte Kinder und Jugendliche mit Problemen im Leistungs- und Sozialverhalten eine AD(H)S-Problematik haben. Deren Diagnostik ist manchmal komplizierter, weil diese Betroffenen mit Hilfe ihrer sehr guten Intelligenz viele AD(H)S-typische Defizite lange Zeit kompensieren können. Erst wenn die Belastung zu groß wird, dekompensieren sie.
Warum ist das so?
AD(H)S-Betroffene nehmen viel zu viele Informationen auf bedingt durch eine Reizfilterschwäche bei genetisch bedingter Unterfunktion einiger Stirnhirnbereiche. Sie können unwichtige Informationen und Nebengeräusche nicht willentlich ausblenden. Diese Reizüberflutung beeinträchtigt die Art der Vernetzung der Nervenbahnen im Gehirn. Die Ausbildung funktionstüchtiger Gedächtnisbahnen, die eine schnelle Automatisierung von Lernprozessen und Verhaltensabläufen ermöglichen, erfolgt dadurch verzögert. Mit Hilfe dieser Gedächtnisbahnen können Lerninhalte und Verhaltensweisen schnell und gezielt abgespeichert und genau so schnell und korrekt abgerufen werden.

Eine Therapie ihres AD(H)S würde diesen hoch- und sehr begabten Kindern und Jugendlichen helfen, den Konflikt zwischen ihrem Anspruch und der täglich erlebten Enttäuschung zu beseitigen und Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie uneingeschränkt über ihre Fähigkeiten verfügen können. Denn sie erwarten und brauchen Erfolge und Anerkennung von Seiten ihres sozialen Umfeldes, um ein stabiles Selbstwertgefühl aufzubauen.

Selbstwertgefühl und soziale Kompetenz zu verbessern, sind die wichtigsten Ziele bei der Behandlung von hoch- und sehr begabten Kindern mit AD(H)S-bedingten Lern- und/oder Verhaltensschwierigkeiten. Dazu ist ihre aktive Mitarbeit erforderlich, die ihnen die lang ersehnten Erfolge bringt.
Denn AD(H)S ist weit mehr als ein Zappelphilipp-Syndrom, sondern ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität. Seine Ursache ist eine angeborene, neurobiologisch bedingte veränderte Verarbeitung von Informationen mit Beeinträchtigung des Verhaltens, der kognitiven und motorischen Fähigkeiten und der Gefühlssteuerung. Neurobiologisch bestehen beim AD(H)S Unterfunktionen im Stirnhirn und in einigen anderen Hirnbereichen, sowie ein Mangel an Transportstoffen in den Nervenbahnen.

AD(H)S wird über verschiedene Gene vererbt mit unterschiedlicher Schwere und sehr variabler Symptomatik. Die wichtigsten Funktionsbeeinträchtigungen des AD(H)S, die jede noch so gute Intelligenz in ihrer Verwirklichung begrenzen und somit die Entwicklung nicht nur von hochbegabten Kindern wesentlich beeinträchtigen, sind:

  1. Eine angeborene Filterschwäche für alle vom Gehirn aufgenommenen Wahrnehmungen und Informationen
  2. Das Arbeitsgedächtnis wird dadurch überlastet, Aufmerksamkeit und Konzentration können nicht willentlich gesteuert und aufrecht erhalten werden
  3. Durch diese Reizoffenheit wird das Gehirn ständig mit Reizen überflutet, ein Ausblenden unwichtiger Reize erfolgt nicht, was eine andere Art der neuronalen Vernetzung zur Folge hat
  4. Zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis kommt es dadurch zu Informationsverlusten, weil die entsprechend schnellen Leitungsbahnen (die „Autobahnen“) sich durch Reizüberflutung nicht dick genug ausbilden können und Transportstoffe für die schnelle Weiterleitung von Informationen nicht ausreichend vorhanden sind.
  5. Durch diesen Mangel an Transportstoffen (Neurotransmitter) sind gespeichertes Wissen, Erfahrungen und Gefühlen nur verzögert abrufbar. Erfahrungen können nicht sofort genutzt werden, Gefühlssteuerung und verbale Reaktionen erfolgen spontan und unkontrolliert.
  6. Die Selbstmotivation und das Erledigen von Routinetätigkeiten erfordern viel mehr Anstrengung und führen schneller zur Erschöpfung.
  7. Ihre psychomotorische innere und äußere Unruhe ist gepaart mit schneller Ablenkbarkeit und oberflächlicher Wahrnehmung.
  8. Mehrere motorische Bereiche können in ihrer Funktion beeinträchtigt sein und den Lernprozess noch zusätzlich behindern.
  9. Negativer Dauerstress blockiert das Arbeitsgedächtnis und damit erfolgreiches Denken und Handeln

 

Infolge der Reizüberflutung haben Menschen mit AD(H)S immer zu viele Gedanken im Kopf, so dass es ihnen schwer fällt, bei der Sache zu bleiben. Ferner haben sie Probleme, Entscheidungen zu treffen, Prioritäten zu setzen und begonnene Tätigkeiten zu Ende zu bringen. Sie suchen immer nach neuen und für sie interessanten Tätigkeiten.

Unter all diesen Beeinträchtigungen leidet zunehmend das Selbstwertgefühl dieser Kinder und Jugendlichen. Sie kennen die Ursache für ihre Problematik nicht und halten sich für Versager, für „dumm“ oder gar für psychisch krank.
Diese angeborene Reizfilterschwäche ermöglicht aber auch, dass bei diesen Kindern sehr viel mehr Nervenzellen erhalten bleiben, ihr Netz an Leitungsbahnen ist viel diffuser und feinmaschiger verzweigt.
Diese Art der neuronalen Vernetzung ermöglicht ihnen das für AD(H)S typische kreative Denken und Handeln. In Verbindung mit einem fördernden und fordernden sozialen Umfeld können diesen Betroffenen ihre AD(H)S-bedingten Defizite über lange Zeit kompensieren, so dass sie für das soziale Umfeld unbemerkt bleiben.

Deshalb fällt so manches sehr begabte hyperaktive Kind schon frühzeitig auf durch:

  • seine große Wissbegierde, wenn ihn etwas interessiert oder begeistert
  • seinen unermüdlichen Bewegungs- und Beschäftigungsdrang
  • seine fließende Sprache mit großem Wortschatz
  • seine Kreativität verbunden mit unermüdlichem Schaffensdrang
  • sein schnelles Begreifen
  • seine gute Merkfähigkeit auch für Kleinigkeiten und Erfahrungen, die mit positiven oder negativen Emotionen verbunden waren

Ein solches hyperaktives Kind ist für alle Aufgaben offen und will aus eigenem Antrieb schon vor der Schule rechnen, lesen und schreiben lernen. Alles deutet auf eine sehr gute Intelligenz hin, die eine erfolgreiche Schullaufbahn mit einem selbstzufriedenen Kind verspricht.

Dagegen wird eine sehr gute Intelligenz bei Kindern mit ADS ohne Hyperaktivität, vom vorwiegend unaufmerksamen Typ, den so genannten „Träumern“ oder hypoaktiven Kindern, nur selten bemerkt. Bei ihnen wird Hochbegabung gar nicht erst vermutet, denn diese Kinder fallen zunächst überhaupt nicht auf. Sie sind eher schüchtern, äußern manchmal Ängste vor der Schule, vor fremden Kindern und vor der Trennung von den Eltern. Sie scheinen im Begreifen langsamer zu sein, im Handeln umstellungserschwerter, gegenüber Kritik empfindlicher und weinen leicht. Sie beschäftigen sich gern allein, nehmen scheinbar von den Geschehnissen der Umgebung wenig Notiz, träumen vor sich hin und langweilen sich. Viele wichtige Informationen werden deshalb gar nicht erst aufgenommen.

Während das hyperaktive Kind durch seine Reizoffenheit und seinen vermeintlich unstillbaren Wissensdrang von seiner AD(H)S-Veranlagung zunächst profitieren kann, fordert das hypoaktive Kind wenig Aufmerksamkeit und Zuwendung von seiner Umgebung und wird dadurch meist weniger gefördert. Seine Intelligenz droht zu „verkümmern“, da sich diese Kinder vor der Umwelt verschließen, vieles gar nicht mitbekommen und deutlich weniger Kontakte mit Gleichaltrigen knüpfen.

Beiden Subtypen ist aber gemeinsam, dass diese Kinder, wenn sie über eine sehr gute Intelligenz verfügen, vorhandene Defizite lange Zeit kompensieren können, so dass ihre besonderen Fähigkeiten vom sozialen Umfeld zunächst unbemerkt bleiben. Manchmal fallen sie durch eigenartiges Verhalten auf, was den Beginn einer Entwicklungsbeeinträchtigung andeuten kann. Die betroffenen Kinder dagegen bemerken ihr „Anderssein“ meist viel deutlicher und früher als ihre Eltern oder Betreuer. Es verunsichert sie, macht sie aggressiv oder ängstlich. Beides sind typische Signale einer beginnenden inneren Verunsicherung mit Hilflosigkeit, unter denen sehr intelligente Kinder mehr als alle anderen leiden.

Beim AD(H)S fällt es den Betroffenen schwer, ihr Leistungsniveau trotz ihrer sehr guten Intelligenz bei zunehmender schulischer Belastung konstant zu halten und es in gute Noten umzusetzen. Das bedarf oft einer enormen Anstrengung. Erfolglosigkeit blockiert ihre Lernmotivation. So ist es keine Seltenheit, dass selbst hochbegabte Kinder mit AD(H)S in der Hauptschule landen und selbst dort wegen ihres Verhaltens, ihrer Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche Schwierigkeiten haben bis hin zur Verweigerungshaltung. Damit es nicht so weit kommt, sollte schon vor der Einschulung bei allen Kindern intensiver nach Schwächen in der Wahrnehmungsverarbeitung gesucht werden, die ihre Lernfähigkeit mit Sicherheit später beeinträchtigen.

Um gute schulische und soziale Leistungen erbringen zu können, sind eine genaue, detailgetreue und schnelle Wahrnehmungsverarbeitung bei guter Konzentration und der Fähigkeit, abgespeichertes Wissen und gemachte Erfahrungen sofort abrufen zu können, erforderlich. Das setzt eine Automatisierung im Lernprozess voraus, der Lernerfolge wesentlich erleichtert und motiviert, sich ständig neuen Anforderungen zu stellen.

Die Verfügbarkeit über die vorhandene Intelligenz wird wesentlich von der Schwere folgender AD(H)S-Symptome beeinflusst:

  • der Konzentration
  • der Merkfähigkeit
  • der Aufmerksamkeit
  • der Eigenmotivieren zum Lösen von Aufgaben und Problemen
  • der Wahrnehmungsverarbeitung
  • der Gefühlssteuerung
  • der großen Ablenkbarkeit
  • dem Arbeitstempo und der Arbeitsorganisation
  • der altersentsprechenden Entwicklung motorischer Fähigkeiten
  • dem Umgang mit negativem Stress und Niederlagen

Was zeichnet hochbegabte Kinder aus? Woran kann man sie erkennen?

  • Sie haben einen schnellen, meist frühen Spracherwerb
  • Ihre statomotorische Entwicklung ist altersgemäß oder beschleunigt
  • Sie haben eine hohe Lerngeschwindigkeit und großes Interesse an Problemlösungen
  • Ihre Denkweise ist kreativ und produktiv, sie suchen nach kausalen Zusammenhängen
  • Sie beschäftigen sich gern und intensiv mit Symbolen
  • Sie haben ein hohes Konzentrations- und Beharrungsvermögen bei meist selbst gestellten Aufgaben
  • Sie haben ein gutes Gedächtnis
  • Sie sind sensibel und können sich selbst gut einschätzen
  • Sie haben einen hohen Anspruch an sich selbst und an andere, wie Eltern, Geschwister, Freunde und Lehrer
  • Sie haben eine gute Urteils-, Kritik- und Wahrnehmungsfähigkeit

Die Intelligenz galt bisher als ein über weite Lebensabschnitte hinweg stabiles Merkmal. Das sieht man heute anders. Verlaufsuntersuchungen des Intelligenzquotienten bei Kindern mit ausgeprägter AD(H)S-Symptomatik haben ihre eigene Dynamik.

Ein ADS mit Hyperaktivität beeinträchtigt die Intelligenz durch:

  • Verminderte Konzentration und Daueraufmerksamkeit
  • Geringe Merkfähigkeit
  • Psychomotorische Unruhe
  • Emotionale Steuerungsschwäche und hohe Ablenkbarkeit
  • Grob- und feinmotorische Beeinträchtigungen
  • Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen
  • Teilleistungsstörungen
  • Selbstwertproblematik mit innerer Verunsicherung
  • Soziale Kontaktschwierigkeiten mit drohender Ausgrenzung
  • Ein Gefühl, nicht verstanden zu werden

Diese hyperaktiven Kinder und Jugendlichen lernen dagegen zeitig, die Schuld für ihre Probleme anderen zuzuschreiben. Sie reagieren sich aggressiv nach außen hin ab und leiden anfangs weniger unter ihrem Verhalten als ihre Umwelt. Erst werden sie zum Klassenclown, dann zum „schwarzen Schaf“ und schließlich zum Außenseiter.

Die Intelligenz beim ADS ohne Hyperaktivität wird beeinträchtigt durch:

  • Innere Unruhe mit hoher Ablenkbarkeit
  • Unfähigkeit zur Konzentration bei Routineaufgaben
  • Zu langsames und umstellungserschwertes Denken
  • Selbstbeschuldigungen und schlechtes Selbstwertgefühl
  • Ängste und Probleme in der sozialen Eingliederung
  • Mangelnde Fähigkeit, sich zu entscheiden und eine Arbeit zu beginnen
  • Viel zu langsames Arbeitstempo mit erhöhter Fehlerquote
  • Abgleiten ins Träumen mit „Abschalten“ und Informationsverlusten

Diese hypoaktiven Kinder und Jugendlichen reagieren vorwiegend introvertiert und bekommen frühzeitig psychosomatische Beschwerden. Sie halten sich für Versager. flüchten in eine Traumwelt und werden leicht übersehen. Sie gelten als sozial schwach und werden oft gemobbt. Erst nach erfolgreicher Behandlung, die bei schwerer ADS-Beeinträchtigung fast immer eine Gabe von Stimulanzien erforderlich macht, können diese Kinder von ihrer sehr guten Intelligenz profitieren und die von ihnen so lang ersehnte Anerkennung bekommen.

Eine Stimulanzienbehandlung, eingebettet in eine individuelle lern- und verhaltenstherapeutische Begleitung mit Einbeziehung der Eltern als Coach und aktiver Mitarbeit der Betroffenen kann die Funktionsstörungen im Stirnhirnbereich und den Mangel an Botenstoffen weitgehend ausgleichen. Sie wird aber niemals primär die Intelligenz als solche verbessern, sondern sie macht die ursprünglich vorhandene Intelligenz für den AD(H)S-Betroffenen erst wieder verfügbar. Verlaufsbeobachtungen zeigen, dass bei Nichtbehandlung ein Abfall des IQ-Wertes um bis zu 15% keine Seltenheit ist und dass umgekehrt mit Hilfe einer erfolgreichen multimodalen Therapie ein Anstieg des IQ-Wertes um die gleiche Punktzahl möglich ist. Denn Wahrnehmung, Konzentration, Merkfähigkeit, Antrieb und emotionale Steuerung kann diese Therapie verbessern. Endlich können diese Kinder und Jugendlichen wieder über ihre angeborenen Fähigkeiten verfügen und ihr Selbstwertgefühl und ihr soziale Kompetenz verbessern.

Hochbegabung und Unterforderung

Natürlich sind in der Schule und auch schon im Kindergarten hochbegabte Kinder oft unterfordert. Sie sollten dann vorzeitig eingeschult werden, evtl. eine Klasse überspringen und noch besser, eine Schule besuchen, die Förderprogramme für hochbegabte Kinder anbietet. Sie brauchen eine kontinuierliche, strukturierte und fördernde Beschäftigung für den Nachmittag und schulische Sonderaufgaben. Die Symptomatik der Unterforderung kann oberflächlich betrachtet dem AD(H)S sehr ähnlich sein, die nötigen Konsequenzen wären dann jedoch ganz andere. Aber bisher wird bei einem hochbegabten Kind, das unkonzentriert ist, sich langweilt, den Unterricht stört, gute Denkleistungen erbringt, aber schlechte Noten in den Arbeiten schreibt, noch viel zu oft nur eine Unterforderung als deren alleinige Ursache gedacht. Eine mögliche AD(H)S-Problematik wird gar nicht erst vermutet. Hier ist noch viel Umdenken erforderlich, damit professionelle Hilfe rechtzeitig zur richtigen Diagnose führt.

Diagnostik, ob Unterforderung oder AD(H)S bedeutet, sich folgende Fragen zu stellen und diese mit Hilfe vorhandner Kenntnisse auch richtig zu beantworten:

  • Seit wann, wo, wie und warum ist das Kind auffällig?
  • Wie reagiert sein soziales Umfeld darauf?
  • Wie psychisch stabil ist es?
  • Wie ist seine Intelligenz?
  • Ist seine Wahrnehmungsverarbeitung beeinträchtigt?
  • Liegt ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom bei Verwandten 1. oder 2. Grades vor?
  • Wie war seine Entwicklung?
  • Hat es typische AD(H)S-Symptome?

Wenn im Intelligenztest, z.B. im HAWIK eine große Differenz zwischen den Werten im Verbal- und Handlungsteil besteht, sollte an das Vorliegen von Beeinträchtigungen in der Informationsverarbeitung gedacht werden. Eine der häufigsten Ursachen für einen deutlich niedrigeren Wert im Handlungsteil sind Beeinträchtigungen bei der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen, wie sie bei AD(H)S-Kindern trotz guter oder sehr guter Intelligenz immer vorhanden sind.

Gerade hochbegabte und sehr begabte Kinder mit einem AD(H)S merken sehr zeitig die Diskrepanz zwischen dem, was sie vom Kopf her alles erfassen und wissen und dem, was sie auf Anforderung abrufen können. Sie merken, dass sie anders wahrnehmen, anders reagieren und dass ihnen oft in wichtigen Situationen die richtigen Worte fehlen. Die Diskrepanz zwischen hohem Selbstanspruch und ständiger Enttäuschung bedingt eine innere Verunsicherung, worauf sie dann häufig aggressiv gegen sich und andere oder mit Resignation reagieren. Manche entwickeln Ängste oder flüchten in frühere Entwicklungsstufen, d.h. sie beginnen einzunässen, wollen immer auf dem Schoß der Mutter sitzen und klammern. Niemand würde hier ein hochbegabtes Kind vermuten!
Je intelligenter diese Kinder sind, um so mehr leiden sie. Leiden heißt hier, dass ihr Selbstwertgefühl immer schlechter wird. Ihre psychische Belastung kann auf Dauer Ausgangspunkt und Ursache späterer psychischer Erkrankungen sein, wie Depressionen, Angststörungen, Zwänge, Suchtverhalten, Selbstverletzungen oder Essstörungen. Eine kritische Zeit für die psychische Dekompensation dieser Kinder ist die Pubertät.

Was wäre zu tun?
Eine rechtzeitige Diagnostik und Behandlung könnte helfen, die sehr gute Intelligenz dieser Kinder und Jugendlichen für sich und die Gesellschaft nutzbar zu machen. Je zeitiger ihr AD(H)S erkannt und behandelt wird, umso weniger leiden Selbstwertgefühl und soziale Kompetenz. Sehr viele hochbegabte Kinder haben Teilleistungsstörungen, wie Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche. Hier sollte ebenfalls an ein AD(H)S als deren eigentliche Ursache gedacht werden. Die Symptome des AD(H)S können so verschieden sein und werden durch eine sehr gute Intelligenz lange kompensiert. Bis es einmal und dann meist völlig überraschend zu einer unerwarteten Reaktion der Betroffenen kommt, z. B. Panikattacken, Blackout-Reaktionen, Angst-, Zwangs- oder Essstörungen oder sogar zu Suiziddrohungen.

Je intelligenter ein Kind oder ein Jugendlicher ist, umso mehr leidet der Betroffene unter seinem Unvermögen, nicht davon profitieren zu können.

Die Unterforderung als Ursache für Auffälligkeiten im Leistungs- und Verhaltensbereich von sehr oder hochbegabten Kindern sollte immer öfter hinterfragt und an das Vorliegen eines AD(H)S mit multiplen Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen gedacht werden. Letzteres kann man erfolgreich behandeln, dann kann sich die Lebensperspektive dieser Kinder und Jugendlichen um vieles verbessern.

Für interessierte Leser, die über die Problematik AD(H)S und Hochbegabung mehr wissen möchten, habe ich 2005 folgendes Buch geschrieben:

Kinder und Jugendliche mit Hochbegabung
Erkennen, stärken, fördern – damit Begabung zum Erfolg führt
Kohlhammer Verlag           ISBN 3-17-018735-X

 
 
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