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Allergie und ADS

 
 

Allergie und ADS - gibt es eine Komorbidität?

Helga Simchen
Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Mainz

Zusammenfassung

ADS mit oder ohne Hyperaktivität kann bei ausgeprägter Symptomatik eine schwere psychische Beeinträchtigung zur Folge haben, die, wenn sie über einen längeren Zeitraum besteht, das Abwehrsystem des Körpers schwächt und eine allergische Erkrankung auslösen oder verstärken kann. Eine erfolgreiche Behandlung des ADS beeinflusst die Allergie dagegen günstig. Frühere Forschungsergebnisse über den Zusammenhang von allergischen Erkrankungen und ADS werden zitiert und sollten in Anbetracht der häufigen Komorbidität von ADS mit und ohne Hyperaktivität und allergisch bedingten Krankheiten in der Praxis mehr Beachtung finden.

Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) mit oder ohne Hyperaktivität leiden mehr als doppelt so häufig an einer allergischen Erkrankung wie Nichtbetroffene. Das bedeutet aber auch, dass bei Kindern, die an einer Neurodermitis, einem Heuschnupfen, einer Hautallergie oder an einem Bronchialasthma leiden, in einem höheren prozentualen Anteil ein ADS nachgewiesen werden kann. Dabei beeinflussen sich ADS und allergische Erkrankungen in ihrer Schwere gegenseitig - beides sind Tatsachen, für die es in der Praxis immer wieder Hinweise gibt. Was ist Ursache und Erklärung dafür und könnte man daraus sogar diagnostische und therapeutische Konsequenzen ableiten?

Schwächung des Immunsystems durch psychischen Stress

Die Schwächung der Abwehrkraft und des Immunsystems durch anhaltenden Stress und psychische Erkrankungen, sowie die Verbesserung des Abwehrsystems durch eine psychische Stabilisierung sind lange und hinreichend bekannt. Die Psychoneuroimmunologie hat sich die Aufgabe gestellt, die Wechselwirkungen zwischen Immunsystem und Zentralnervensystem zu erforschen, mit dem Ziel, Erklärungen für die Auslösung und den Verlauf allergischer Erkrankungen unter psychischen Belastungen zu finden. Dabei wird von der Tatsache ausgegangen, dass das Immunsystem über bestimmte Zentren im Gehirn (den Hypothalamus und über das limbische System) zentralnervöse Vorgänge im Körper beeinflussen kann. Damit ließe sich auch erklären, warum allergische Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten häufig gemeinsam vorkommen und warum sich bei einer Nahrungsmittelallergie nach diätetischer Behandlung auch die Verhaltensauffälligkeiten bessern mit mehr oder weniger Dauererfolg.

Komorbidität von ADHS und Allergie

Bestehen aber Verhaltensstörungen im Rahmen einer Komorbidität von Nahrungsmittelallergie und einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, so reicht eine diätetische Behandlung allein auf die Dauer nicht aus. Sie würde beim ausgeprägten ADS bestenfalls ein Symptom und nicht dessen neurobiologische Ursache beseitigen. Eine vorwiegend diätetische Behandlung würde bedeuten, dass infolge der Defizite in der Wahrnehmungsverarbeitung auch weiterhin wesentliche Entwicklungsphasen für das Kind ungenutzt verstreichen. Das Kind kann sich nicht altersgerecht entwickeln, trotz seiner meist guten bis sehr guten Intelligenz, worunter sein Selbstwertgefühl zunehmend leidet. Schließlich führen die Defizite im Leistungs- und sozialen Bereich zur inneren Verunsicherung des Kindes und seiner Eltern, was wiederum zu Ängsten, Aggressionen und sozialer Ausgrenzung der Kinder, aber auch ihrer Eltern führen kann. Die extreme psychische Labilität bleibt bei Nichtbehandlung meist bis weit über das Kindesalter hinaus bestehen und kann Ursache und Ausgangspunkt für psychische und/oder psychosomatische Erkrankungen im späteren Leben sein.

Erfahrungen aus der Praxis

In meiner Praxis betreue ich viele Kinder und Jugendliche mit einem ADS mit und ohne Hyperaktivität schon über mehrere Jahre und beobachte immer wieder, dass im Rahmen einer erfolgreichen ADS-Behandlung mit Beseitigung der Defizite und der psychischen Stabilisierung auch die Schwere der allergisch bedingten Symptome abnimmt und diese nicht selten sogar ganz verschwinden.

Dabei bedeutet psychische Stabilisierung:

  • Verbesserung der sozialen Kompetenz,
  • Verbesserung der kognitiven (Denken, Lernen und Merken) Fähigkeiten,
  • Verbesserung der sozialen Eingliederung
  • Aufbau eines positiven Selbstwertgefühls,
  • Sich altersgerecht entwickeln,

was die Ziele jeder ADS-Behandlung sind und mittels eines multimodalen Therapieprogrammes auch erreicht werden sollten.

Nach meiner Statistik haben ca. 63 % aller ADS-Kinder, die sich in meiner Behandlung befinden, eine allergische Erkrankung, entweder akut oder in der Veranlagung.

Was weiß man jetzt über das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom?

Nach Huss ist das ADS die Folge einer neurobiologisch bedingten spezifisch veränderten Steuerungsdynamik der Wahrnehmung, der kognitiven und emotionalen Verarbeitung und der sich daraus entwickelnden veränderten Reaktions- und Verhaltensbildung. Es ist also Folge einer angeborenen fehlerhaften Informationsverarbeitung zwischen Stirnhirn und einigen Zentren der Wahrnehmungsverarbeitung im Gehirn (Basalganglien) auf Botenstoffebene. Dabei sind nach bisherigen Erkenntnissen folgende Botenstoffe von Bedeutung: Dopamin, Noradrenalin, Serotonin, Catecholamin. Deren mangelnde Bereitstellung in den Nervenverbindungen (Synapsen) führt zur Störung des Gleichgewichts der Botenstoffe untereinander im Reizleitungssytem. Ursache ist eine auf verschiedenen Genen (Träger der Vererbung) gelagerte Störung der Transporterfunktion für die einzelnen Botenstoffe.

Welche Botenstoffe und welche mit dem Stirnhirn korrespondierenden Gehirnzentren (Basalganglien) gerade betroffen sind, bestimmt das jeweilige klinische Erscheinungsbild des ADS. Es wird also vererbt und ist somit angeboren, was die Praxis immer wieder beweist. Das Verhalten des sozialen Umfeldes nimmt dabei jedoch wesentlichen Einfluss auf Entwicklung und Verlauf der ADS-Problematik. Das bedeutet für die Entwicklung der Kinder mit ausgeprägtem ADS aber auch, dass die Regulationsstörung von klein auf besteht und dass sie die Interaktion von Mutter und Kind von Anfang an belasten kann. Das wird zunehmend von immer mehr Eltern bestätigt, die ein Kind mit ADS haben.

Zusätzlich können die Eltern selbst ein ADS oder eine ADS-Veranlagung haben und somit durch ihre mögliche psychische Instabilität die Entwicklung des Kindes noch zusätzlich nachteilig beeinflussen.

Mit der verbesserten Akzeptanz des ADS als eine neurobiologisch bedingte Störung, die nichts mit Fehlerziehung zu tun hat, fassen viele Eltern hyperaktiver Kinder Mut und berichten über Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder schon in der Säuglingszeit. Bisher gaben sie sich die Schuld dafür und verschwiegen ihre Unsicherheit lieber, da sie befürchteten, nicht fähig gewesen zu sein, ihr Kind zu erziehen. Sie berichten aber auch zunehmend über eine eigene ADS-Problematik, die sie seit der Kindheit belastet.

Wenn das ADS angeboren ist, dann können sich seine Symptome auch vom ersten Lebenstag an zeigen. Solche typischen Verhaltensauffälligkeiten beim Säugling sind:

  • hyperaktive Säuglinge sind oft sehr schreckhaft, sie haben einen erhöhten Muskeltonus und machen sich steif
  • sie können unstillbar weinen, oft phasenhaft, besonders nachts in den ersten Lebensmonaten ohne objektiven Befund.
  • sie haben einen oberflächlichen Schlaf, sind leicht aufweckbar und sofort hellwach
  • ihr Schlafbedürfnis ist meist gering, sie können schlecht einschlafen und müssen dabei rhythmisch bewegt werden
  • sie sind unruhig und überschießend im Bewegungsverhalten mit schnellem Stimmungswechsel
  • abwehrendes Reagieren bei Berührung der Haut, was als unangenehm empfunden wird
  • längeres Spielen oder sich beschäftigen mit Gegenständen ist nicht möglich
  • kein Krabbeln, sondern Rollen oder Robben bei großem Bewegungsdrang und zeitigem Laufen
  • manchmal Trinkschwierigkeiten durch gestörte Mundmotorik und beeinträchtigte Atmungs- und Schluckkoordination.

Durch ihr eigenartiges Verhalten verunsichern diese Säuglinge ihre Mütter, die wiederum die Schuld für dieses Verhalten bei sich suchen. Diese Verunsicherung beeinflusst die enge Mutter-Kind-Beziehung negativ und kann das für die Entwicklung des Kindes so wichtige Urvertrauen beeinträchtigen. So entsteht ein Kreislauf zwischen angeborener neurobiologischer und reaktiver Verhaltensbeeinträchtigung, was Stress für Familie und Kind bedeuten kann.

Ein hyperaktiver Säugling lebt von Anfang an im Stress durch seinen Mangel an verfügbaren Botenstoffen. Seine motorische und innere Unruhe ist nicht nur Folge einer im Umgang mit dem Säugling verunsicherten Mutter, sondern - und das vor allem - eine kompensatorische Reaktion auf die Unterversorgung des eigenen Gehirns mit entsprechenden Botenstoffen. Dieser Botenstoffmangel im Stirnhirn ist verantwortlich für die mangelhafte Filterung der Außenreize, für die Impulssteuerungsschwäche und der inneren Unruhe was die Regulationsstörung bedingt.

So schildern viele Mütter das erste Lebensjahr ihrer hyperaktiven Kinder als sehr belastend. Dieser Stress wird wahrscheinlich das Immunsystem schon zeitig schwächen und die Entstehung von allergischen Erkrankungen im Säuglingsalter begünstigen.

Neurobiologische Forschungen über den Zusammenhang von ADS und Allergie

In der Vergangenheit haben sich viele Arbeitsgruppen mit dem Thema Zusammentreffen (Komorbidität) von hyperaktivem Verhalten und allergischen Erkrankungen befasst, so auch die Magdeburger Arbeitsgruppe um Beyreiß und Roth (8), an der ich mitgearbeitet habe.

Auch Arbeitsgruppen von Besedovsky sowie Livnat konnten nachweisen, dass das vom Noradrenalin beeinflusste Nervensystem im Gehirn das Abwehrsystem beeinflusst und auf Thymus, Milz und Lymphknoten eine abwehrschwächende Wirkung hat. Eine weitere Arbeitsgruppe um Besedovsky wies 1983 im Tierversuch nach, dass eine auf Noradrenalinbasis bedingte Störung im Hypothalamus bei Ratten zu einer erhöhten Allergiebereitschaft führte. Damit wollten sie den Signalfluss von den Immunzellen zum Gehirn und andererseits die Beteiligung des Noradrenalins im Gehirn an der Entstehung allergischer Reaktionen im Körper beweisen. Sie schlussfolgerten daraus, dass ein Mangel an Noradrenalin auf der Ebene des Zentralnervensystems (Gehirn) sowohl die Allergie, als auch die ADHS-Symptomatik wesentlich beeinflussen kann, was eine mögliche Erklärung dafür wäre, dass eine Stimulanzientherapie bei der Komorbidität von Allergie und ADHS in das Immungeschehen über das Gehirn direkt eingreift und somit Einfluss auf den Verlauf beider Störungen nehmen kann.

Körper und Psyche bilden eine Einheit

Das Immunsystem wird bei Kindern mit ausgeprägtem ADS über ihre meist schwere psychische Beeinträchtigung negativ beeinflusst. ADS Kinder leiden seelisch und körperlich, sie fühlen sich als Versager, nicht verstanden, falsch behandelt, sie glauben dumm zu sein und "verrückt" zu werden. Sie haben ständig Chaos im Kopf und können sich nichts merken. Sie vergessen viel, lernen nicht aus Fehlern und werden zu Unrecht beschimpft. Darunter leidet vor allem das Selbstwertgefühl. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsenen mit ADS werden depressiv, bekommen Ängste und Zwänge. Einige Kinder beginnen wieder einzunässen, nicht wenige haben noch zusätzlich infolge ihrer Wahrnehmungsdefizite Teilleistungsstörungen in Form einer Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche.

Ein ausgeprägtes ADS mit seiner neurobiologischen Ursache hat nachweislich bei unzureichender Behandlung psychische und psychosomatische Folgen und beeinflusst auch das Immunsystem. So leiden viele Allergiker mit ADS unter Dauerstress und schlechtem Selbstwertgefühl. Diese schwere psychische Belastung kann zur Verstärkung ihrer Allergie führen. Der Volksmund sagt: "Die Haut ist das Spiegelbild der Seele" - eine Tatsache, die sich gerade bei der Behandlung von ADS-Patienten mit Allergie immer wieder bestätigt. Die Stimulanzientherapie - eingebunden in ein multimodales Therapieprogramm - kann den Betroffenen zu einer besseren Lebensqualität verhelfen. Sie verbessert somit das seelische Wohlbefinden der Betroffenen, rechtzeitig und richtig angewandt auch Häufigkeit und Schwere der Folge- und Begleiterkrankungen, einschließlich der allergisch bedingten Reaktionen. Eine Tatsache, die schon 1964 einer Arbeitsgruppe um Hauschild und Görisch bekannt war. Sie behandelten bereits 1964 Kinder mit Hyperaktivität und Heuschnupfen erfolgreich mit Amphetamin. Dies war auch der Ansatzpunkt für die Forschung über den Zusammenhang von ADHS und Allergie, mit der sich die Magdeburger Arbeitsgruppe bis 1990 beschäftigte.

Die Notwendigkeit, diesen Kindern zu helfen, hat nicht an Aktualität verloren. ADS und allergische Erkrankungen sollten als Komorbidität mit gegenseitiger Wechselwirkung in Diagnostik und Therapie in der Praxis mehr erfasst und berücksichtigt werden.

 
 
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