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Rheinhessische Patienteninformation
 

Was man über AD(H)S wissen sollte

 
 
Dr. Helga Simchen

Kinderarzt / Kinderneurologe / Kinder- und Jugendpsychiater
Tiefenpsychologische Psychotherapie / Verhaltenstherapie / Systemische Familientherapie / Hypnose
Bonifaziusplatz 4a 55118 Mainz Tel.: 06131-618711







Was man über AD(H)S wissen sollte

1. Was ist ADS/ADHS und was ist es nicht?

1.   Das ADS mit und ohne Hyperaktivität ist mehr als eine Störung der Konzentration und des Verhaltens. Seine Diagnose macht eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Betroffenen mit ihrer Entwicklung, ihrem sozialen Umfeld, ihren individuellen Fähigkeiten und ihrer aktuellen  Problemen erforderlich.
Das AD(H)S ist eine hirnorganisch bedingte Beeinträchtigung, die je nach Schwere folgende Bereiche betreffen kann: Die Konzentration und Daueraufmerksamkeit, die Denk- und Merkfähigkeit, das Verhalten, die Impuls- und Gefühlssteuerung sowie unterschiedliche Bereiche der motorischen Steuerung.

  • Das AD(H)S ist oft auch nur als Veranlagung vorhanden mit durchaus vielen positiven Eigenschaften. Es ist also von vornherein keine Krankheit, kann aber bei ausgeprägter Symptomatik und unter ungünstigen äußeren und inneren Bedingungen psychisch beeinträchtigen, psychosomatischen Beschwerden verursachen, die Entwicklung und Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigen. Um das zu verhindern sind eine frühe Diagnostik und - wenn erforderlich - eine rechtzeitige Behandlung dringend zu empfehlen, damit Selbstwertgefühl und Sozialverhalten nicht in eine Negativspirale geraten.
  • Das AD(H)S wird in jedem Fall vererbt. Negative Einflüsse auf das sich entwickelnde Kind durch Rauchen, Alkoholgenuss oder großen Stress in der Schwangerschaft können AD(H)S-Symptome verstärken und zeitiger zum Ausdruck bringen. Alkoholembryopathie und „Raucherbabys“ gibt es unabhängig vom AD(H)S. Auch eine frühkindliche Hirnschädigung z. B. durch Sauerstoffmangel unter der Geburt, verletzungsbedingte Hirnschäden oder Infektionen verursachen kein AD(H)S, können dessen Symptome aber verstärken. Auch eine verwöhnende Fehlerziehung mit hoher Anspruchshaltung des Kindes bei selbst geringer Anstrengungsbereitschaft kann ein AD(H)S vortäuschen. Hierbei ist immer zu klären, ob das Kind nicht kann oder nicht will.
  • Es gibt also kein sekundäres AD(H)S, sondern nur eine Zunahme der Symptomatik unter ungünstigen äußeren Einflüssen. Bei allen primären Hirnschädigungen ist im Gegensatz zum AD(H)S die statomotorische und geistige Entwicklung des Kindes von Anfang an deutlich verzögert, oft sind auch kleine körperliche Anomalien vorhanden (Minoranomalien).
  • Zu wenig Struktur in der Erziehung, zu wenig Bewegung, zu viel Medienkonsum, zu wenig Förderung können AD(H)S-Symptome verstärken oder gar erst sichtbar machen, dessen Veranlagung aber immer vererbt wird.
  • Betroffene mit AD(H)S rauchen oft, weil sie damit ihren Dopaminspiegel erhöhen, um sich ruhiger, konzentrierter und entspannter zu fühlen. Aus den gleichen Gründen wird auch häufiger zum Alkohol gegriffen, um die ängstlich unsichere Grundstimmung und die Selbstzweifel vorübergehend zu mindern. Sich „Mut antrinken“, wie es manche Betroffene auch nennen. Werden Frauen mit AD(H)S, die in ihrer Hilflosigkeit zu dieser Selbstmedikation greifen, dann schwanger, können diese legalen Drogen das sich entwickelnde Kind zusätzlich gefährden. Toxische und die genetische Schäden summieren sich dann.
  • Eine klare Abgrenzung von anderen Störungen ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung des AD(H)S und Aufgabe eines jeden Therapeuten. Seit 1999 gibt es Leitlinien für die Diagnostik und Therapie des AD(H)S, die seitdem mehrfach überarbeitet wurden und nun auch das Erwachsenenalter einbeziehen.
  • Verhaltens- und Konzentrationsstörungen, Teilleistungsstörungen, wie Lese-Rechtschreib- und Rechenschwäche sind Bereiche, die bisher vorwiegend in das Ressort der Pädagogen gehörten. Deshalb ist es für manche bis heute noch schwer verständlich, dass hierfür auch eine AD(H)S-bedingte neurobiologische Störung verantwortlich sein kann und damit z. B. Teilleistungsstörungen auch einer ärztlichen Mitbehandlung bedürfen.
  • Ein ausgeprägtes und unbehandeltes AD(H)S kann psychische Störungen verursachen und zu folgenden Begleitkrankheiten führen: Ängste, Zwänge, Depressionen, Suchtverhalten, Essstörungen und sogar die Ausbildung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung begünstigen. Denn das AD(H)S verschwindet nicht von allein, auch nicht mit dem Erwachsenwerden. Nur seine Symptome können sich ändern, aber man kann lernen auch lernen, damit erfolgreich umzugehen.
  • Die Pubertät ist für AD(H)S-Betroffene eine besonders kritische Phase. Zunehmende soziale Belastungen können bei schlechtem Selbstwertgefühl, innerer Verunsicherung und bei dem oft vorhandenen sozialen Reiferückstand zunehmend schlechter kompensiert werden. Dadurch spüren Jugendliche in der Pubertät besonders deutlich ihre Diskrepanzen im Verhalten  zu Gleichaltrigen. Der zunehmende Leidensdruck veranlasst sie, spätestens jetzt nach den Ursachen ihres Andersseins zu suchen. Leider finden sie in ihrer Hilflosigkeit nicht immer gleich den passenden Therapeuten, der ihre Fragen verständlich beantwortet.
  • Die häufigsten Falschaussagen von Therapeuten, die Betroffene mir immer jetzt noch berichten sind:

“Sie können gar kein AD(H)S haben, denn Sie haben ja ein Abitur und ein Hochschulstudium erfolgreich und ohne Unterbrechungen absolviert und das könne man mit einem AD(H)S nicht“.
„Sie haben kein AD(H)S, denn Sie konnten sich während meiner Diagnostik über eine Stunde sehr gut konzentrieren, was Menschen mit AD(H)S nicht können“.
Auch das stimmt nicht! Alle AD(H)S-Betroffenen können sich sehr gut konzentrieren, solange für sie etwas interessant und für sie neu ist, sie fasziniert sind, nicht aber bei langweiliger Routinearbeit.

  • AD(H)S ist eine Persönlichkeitsvariante, die aber auch für die Betroffenen sehr von Vorteil sein kann. Sie verfügen nämlich durch ihre besondere Art der neuronalen Vernetzung ihres Gehirns über besondere Fähigkeiten, die sie als Ressourcen nützen können. Das erfordert eine frühzeitige Diagnose mit einem individuellen vielschichtigen Therapiekonzept von Anfang an.
  • Das in der Praxis umzusetzen bedeutet:

- Sich gründlich über AD(H)S zu informieren, um seine neurobiologischen Ursachen und Besonderheiten zu verstehen, sowie
- mit Hilfe eines erfahrenen Therapeuten individuelle Lern- und Verhaltens-strategien zu erstellen, zu verinnerlichen und diese in Form eines Selbstmanagement praktizieren.

  • Neurobiologisch ist AD(H)S eine angeborene Unterfunktion im Stirnhirnbereich mit Reizüberflutung und spezifisch veränderter Informationsverarbeitung in den kognitiven, emotionalen und motorischen Bereichen. Außerdem besteht ein Mangel an einzelnen Botenstoffen als Folge einer angeborenen Transporterstörung. Die Unterfunktion einzelner Hirnbereiche und der Botenstoffmangel können mittels spezieller Computerverfahren über den Glucose- und Sauerstoffverbrauch des aktiven Gehirns nachgewiesen werden.

15. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Stirnhirn (der praefrontale Cortex), dort werden alle Informationen gefiltert, die das Gehirn erreichen, um eine Reizüberflutung zu verhindern. Das Stirnhirn ist außerdem verantwortlich für:

    • Die Entwicklung des Zeitgefühls
    • Das gezielte Beenden begonnener Arbeiten
    • Das Abschätzen von Folgen
    • Die Impulssteuerung

Warum gibt es über das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom so viele Unklarheiten?
1.   Weil sein Erscheinungsbild so vielfältig ist, seine Symptome sich mit der Zeit ändern können und von der Schwere des Betroffenseins und der Belastung abhängen. Das erschwert die Diagnostik, so dass diese recht kompliziert und aufwändig sein kann. Die Diagnostik des AD(H)S erfordert:
- Das Vorhandensein einer Summe von typischen AD(H)S-Symptomen
- Verzögerungen und Auffälligkeiten im bisherigen Entwicklungsverlauf
- Ein erhebliches Maß an momentan gespürter Belastung
- Eine familiäre Veranlagung
2.   AD(H)S als eine angeborene neuro-psycho-soziale Beeinträchtigung zeigt je nach Schwere unterschiedliche Auffälligkeiten auf der neuromotorischen, der emotionalen, der kognitiven und der Verhaltensebene. Hyperaktivität, Verhaltensauffälligkeiten, Mangel an Konzentration und Daueraufmerksamkeit sind Symptome, die in dieser Kombination bei beiden ADS-Formen vorkommen. Mittels Punkteskala allein sollte keine AD(H)S-Diagnose gestellt werden.
Hyperaktiv und/oder verhaltensgestört ist noch lange nicht AD(H)S!
Die Kardinalsymptome: Motorische Unruhe, Impulsivität, Mangel an Konzentration und Daueraufmerksamkeit verbunden mit Auffälligkeiten im Sozialverhalten sollten immer vorhanden sein. Sie sind aber bei den Untergruppen: ADS mit Hyperaktivität und ADS vom Unaufmerksamen Typ sehr unterschiedlich ausgeprägt.
Beim ADS vom Unaufmerksamen Typ stehen Verhaltensstörungen zunächst weniger im Vordergrund, sondern eine Beeinträchtigung der Daueraufmerksamkeit verbunden mit Schwierigkeiten, sozial angepasst schnell und richtig zu reagieren und Gelerntes schnell und richtig abrufen zu können. Das ADS ohne Hyperaktivität wird bisher noch viel zu selten und zu spät diagnostiziert und bis heute in der ADS-Forschung zu wenig berücksichtigt. Seine Diagnostik und Therapie ist wesentlich aufwändiger und schwieriger.
Neben diesen beiden Formen des AD(H)S gibt es noch viele Zwischenstufen, die oft in der gleichen Familie nebeneinander oder in der nachfolgenden Generation vorkommen. Dabei gleicht kein AD(H)S dem anderen, so vielfältig ist sein Erscheinungsbild.
3.   Das ADHS in seiner Anlage wird immer vererbt. Die Gene dafür sind auf verschiedenen Kernschleifen (Chromosomen) lokalisiert. Bisher wurden ca. 20 Kandidatengene gefunden, die in ihrer Kombination das Erscheinungsbild des AD(H)S prägen. Aber auch das soziale Umfeld, das Vorhandensein von Schutzfaktoren, die Stärke der aktuellen Belastung, sowie die intellektuelle Ausstattung beeinflussen sein Erscheinungsbild. Kinder und Jugendliche mit einer guten bis sehr guten Begabung können ihre AD(H)S -bedingten Probleme oft lange kompensieren.

Aus den Ursachen lassen sich folgende therapeutische Strategien ableiten:

1.   Nach der Diagnostik sollte eine umfangreiche Aufklärung der Betroffenen über die neurobiologischen Ursachen ihrer individuellen AD(H)S- Problematik erfolgen. Es sollte mit ihnen erarbeitet werden, wie sie mit Hilfe ihrer besonderen Fähigkeiten und einer Therapie ihre Lebensqualität verbessern können. Denn jede AD(H)S- Therapie ist auf Dauer nur erfolgreich, wenn sich die Betroffenen ihre AD(H)S-Probleme erklären können, ihre vorhandenen Ressourcen kennen und sie aktiv nutzen.
2.   Beim AD(H)S-Gehirn gilt es durch ständiges Wiederholen und Üben in dem viel zu verzweigten neuronalen Netz dichte Lernbahnen anzulegen, damit Denken und Handeln schneller erfolgen und sich automatisieren können.
3.   Dafür sollte unter therapeutischer Anleitung für den täglichen Gebrauch ein individuelles Selbstmanagement mit Lern- und Verhaltensstrategien erarbeitet werden, um einen Dauererfolg zu ermöglichen. Das alleinige Verordnen von Medikamenten reicht nicht! Deshalb ist der Bedarf der Betroffenen an Gesprächen, Anleitungen und Reflexionen groß, der Besuch von Selbsthilfegruppen dabei von großem Nutzen.
4.   Je später Diagnostik und Behandlung erfolgen, umso mehr Zeit vergeht, in der die Entwicklung der Persönlichkeit stagniert, die Probleme zunehmen und das Selbstvertrauen leidet. Nur eine ursachenorientierte Therapie hilft den Betroffenen Selbstwertgefühl und Sozialverhalten auf Dauer spürbar zu verbessern. Nicht einzelne Symptome gilt es zu behandeln, sondern die Persönlichkeit der Betroffenen.
5.   Eine Überflutung mit Reizen und Informationen sollte möglichst vermieden werden. Der Tagesablauf ist konkret zu strukturieren, um Stress und Überforderung zu vermeiden. Denn Stress blockiert das Arbeitsgedächtnis. Wichtiges immer wiederholen oder aufschreiben, Unwichtiges ausblenden. Lernen und Verhalten trainieren bis es sich automatisiert. Bringt kontinuierliches Üben keinen Erfolg, vorausgesetzt das intellektuelle Niveau ist altersentsprechend, sollte die Gabe von Stimulanzien unbedingt erwogen werden.
6.   Stimulanzien können die Unterfunktionen einzelner Gehirnstrukturen, sowie den Botenstoffmangel in den Synapsen ausgleichen. Letztere dienen der Weiterleitung von bioelektrischen Impulsen in den Nervenbahnen. Dafür muss das Verhältnis der einzelnen Botenstoffe im synaptischen Spalt zueinander stimmen, nur dann können unterschiedliche Informationen die verschiedenen Zentren des Gehirns schnell erreichen.
7.   Was bewirken Botenstoffe?
Dopamin aktiviert das im Stirnhirn gelegene vordere Aufmerksamkeitszentrum, die feinmotorische Feinabstimmung und das körpereigene Belohnungssystem.
Noradrenalin ist für Antrieb und Impulssteuerung verantwortlich und reguliert das hintere, im Schädellappen gelegene Aufmerksamkeitszentrum.
Serotonin, als ein „Glückshormon“ ist für die Gefühlssteuerung in Zusammenarbeit mit dem Gefühlsgedächtnis (Limbische System) verantwortlich. Serotoninmangel führt zu Antriebsarmut, Traurigkeit, Ängsten, Zwängen und depressiven Verstimmungen.
8. Ein Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Atomoxetin steht als „Strattera“ seit März 2005 zur Behandlung des AD(H)S zur Verfügung und hat sich als Mittel der zweiten Wahl gut bewährt.
9. Seit Januar 2016 ist zur Behandlung des AD(H)S „Intuniv“ zugelassen mit dem Wirkstoff Guanfacin, der postsynaptisch die Signalübertragung beeinflusst. Ein neuartiger Wirkstoff, kein Stimulans und er unterliegt nicht dem Betäubungsmittelgesetz. Die Einnahme von Intuniv sollte wegen möglicher Nebenwirkungen gut überwacht werden. Persönlich habe ich damit keine Erfahrung.
Das Mittel der ersten Wahl in der Therapie des AD(H)S sind und bleiben die Stimulanzien, wozu auch die Amphetamine gehören, da sie am besten die vorhandenen Unterfunktionen ausgleichen.
10. Alternativ angebotene Therapien können nur durch Plazebo-Effekte einzelne Symptome vorübergehend lindern, aber nicht die neurobiologischen Ursachen des AD(H)S beeinflussen.

Dr. Helga Simchen

Allen Interessierten, die sich noch weiter informieren möchten, empfehle ich das Buch zum Weiterlesen: „AD(H)S - Hilfe zur Selbsthilfe. Lern- und Verhaltensstrategien für Schule, Studium und Beruf“
Erschienen 2015 im Kohlhammer Verlag, ISBN 978-3-17-023351-5

 
 
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